Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Diagnose MS

Autologe hämatopoetische Stammzelltransplantation (HSCT)

Ich habe dieses Thema in der Vergangenheit schon mehrfach bei Kongressberichten gestreift – angesichts einer aktuell steigenden Nachfrage möchte ich heute etwas ausführlicher auf die HSCT (= engl. Hematopoetic Stem Cell Transplantation) eingehen – auch um falschen Vorstellungen vorzubeugen.

Viele MS Betroffene denken bei Stammzellen an eine „Erneuerung“ des eigenen Gewebes und nicht selten ist mit dem Begriff „Stammzelltransplantation“ die Hoffnung verknüpft, eine verlorengegangene Funktion wieder herzustellen und Behinderung rückgängig zu machen.

Im Prinzip ist diese Vorstellung nicht falsch, trotzdem ist die Zielsetzung der autologen hämatopoetischen Stammzelltransplantation – die aktuell sehr intensiv diskutiert wird – eine andere als vielleicht gemeinhin angenommen wird. Sie ist nämlich im Grunde genommen dem Prinzip der derzeitigen medikamentösen MS Therapie („frühe und effiziente Behandlung“) recht ähnlich.

Bei der HSCT werden einem Patienten, nach einer entsprechenden Vorbereitung, sogenannte hämatopoetische Stammzellen aus dem Körper entnommen. Hämatopoetische Stammzellen sind Vorläuferzellen des blutbildenden Systems (Blutbildung = Hämatopoese), also u.a. auch die Vorläufer der weißen Blutkörperchen, die für die Bekämpfung von Krankheitserregern zuständig sind, aber auch für die Entstehung von Autoimmunerkrankungen wie der Multiplen Sklerose verantwortlich sind.

Nachdem man diese Vorläuferzellen gewonnen hat, wird bei demselben Patienten der im Körper verbliebene Rest seines blutbildenden Systems durch eine aggressive Chemotherapie „vernichtet“, d.h. der Patient besitzt nach dieser Prozedur keine funktionierenden weißen Blutkörperchen (Immunzellen) mehr und wäre in diesem Zustand nicht mehr in der Lage, sich gegen Erreger zur Wehr zu setzen. Da ein solcher Zustand mit einem normalen Leben nicht vereinbar ist, werden ihm jetzt die zuvor entnommenen hämatopoetischen Stammzellen wieder eingesetzt, in der Hoffnung, dass diese sich wieder im Körper ansiedeln, sich vermehren und wieder mit der Blutbildung beginnen.

In der Regel klappt es sehr gut, dass sich das Immunsystem auf diese Weise wieder herstellt (rekonstituiert). Man kann sich aber auch vorstellen, dass die gesamte Prozedur nicht ganz ungefährlich ist, auch wenn die Technik mittlerweile so ausgereift ist, dass schwerwiegende Komplikationen oder Todesfälle immer seltener vorkommen.

Die Idee hinter dem Verfahren ist, dass man das „alte“ aggressive Immunsystem, das eine schwere MS verursacht, „platt macht“ und anschließend dem eigenen Immunsystem sozusagen eine „zweite Chance“ gibt, sich weniger autoaggressiv wiederherzustellen. In vielen Fällen funktioniert dieser „Reset“ des Immunsystems sehr gut. Neuere Studien zur HSCT zeigen, dass eine aktive MS nach der HSCT deutlich weniger heftig verläuft. Mittlerweile ist man in Expertenkreisen davon überzeugt, dass die HSCT die effektivste entzündungshemmende Therapie darstellt, die wir derzeit zur Verfügung haben.

Nach der Darstellung sollte aber auch klar sein, dass eine HSCT die MS nicht „heilt“ – und die Maßnahme ist auch nicht in der Lage, bei einem bereits schwer betroffenen Patienten Körperfunktionen wieder herzustellen. Die HSCT ist vor allem eine Maßnahme, die man Patienten mit einer sehr aktiven Erkrankung möglichst früh im Krankheitsverlauf anbieten sollte, insbesondere wenn auch mit effektiven medikamentösen Therapien keine vollständige Stabilisierung erzielt wird. Das Ziel der Maßnahme ist – analog zum frühen Einsatz hocheffizienter medikamentöser Therapien – zu verhindern, dass körperliche und mentale Defizite überhaupt erst auftreten. Da die HSCT aber auch nicht ganz ungefährlich ist, sollte einer HSCT erst ein Therapieversuch mit effizienten entzündungshemmenden Medikamenten vorangestellt werden. Wenn diese Strategie nicht ausreichend funktioniert, ist die HSCT eine interessante Option, deren Bedeutung nach meiner Auffassung in der Zukunft weiter zunehmen wird.

Nicht geeignet ist die Methode – wie schon erwähnt – für Patienten mit bereits langem Krankheitsverlauf ohne wesentliche entzündliche Aktivität – hier weiß man aus früheren Studien, dass das Nutzen-Risiko-Verhältnis einer HSCT wahrscheinlich nicht mehr gegeben ist.

 

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Standort Juliusspital, Klinikum Würzburg-Mitte gGmbH

Meine Beiträge

Ein Kommentar zu “Autologe hämatopoetische Stammzelltransplantation (HSCT)

  1. Sehr geehrter Prof. Dr. Mäurer,

    sie schreiben selbst „Da die HSCT aber auch nicht ganz ungefährlich ist, sollte einer HSCT erst ein Therapieversuch mit effizienten entzündungshemmenden Medikamenten vorangestellt werden“, wie Sie wissen gibt es genug Patienten die nicht ausreichend auf eine solche Therapie ansprechen.

    Wie bzw. Wo wird diesen die Möglichkeit gegeben, die HSCT in Deutschland zu bekommen. Diese Antwort sollten Sie noch erwähnen, wenn HSCT schon als sinnvolle Option empfohlen wird.
    Meine Info ist nämlich, dass dies derzeit nicht möglich ist.

    Deshalb gehen einige bzw. immer mehr Patienten auf eigene Kosten nach Moskau zu Hr. Dr. Fedorenko um die Therapie zu erhalten, ist dies wirklich im Interesse von Ihnen bzw. der Neurologenzunft?

    Mit freundlichen Grüßen

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