Adipositas bei Multipler Sklerose – ein unterschätztes Problem?!

Adipositas (Fettleibigkeit) – damit ist eine übermäßige Vermehrung des Körperfettgewebes gemeint. Beschrieben wird die Adipositas in der Regel mit dem sog. Body Mass Index (BMI), auch wenn dieser häufig als zu ungenau kritisiert wird. Auf der anderen Seite ist der BMI ein einfaches und international etabliertes Screening-Instrument zur Klassifizierung: Von Übergewicht spricht man ab einem BMI > 25, von Adipositas bei einem BMI > 30. Nach dieser Klassifizierung sind in Deutschland ein Viertel der Erwachsenen adipös – Tendenz steigend. Im Übrigen: Zur Berechnung des BMI wird das Gewicht (kg) durch das Quadrat der Körpergröße (m2) geteilt.

Auch wenn auf den ersten Blick nicht unbedingt naheliegend, so spielt Adipositas im Zusammenhang mit Multipler Sklerose eine wichtige Rolle – und zwar auf ganz unterschiedlichen Ebenen: Zum einen gibt es starke Hinweise darauf, dass Adipositas, insbesondere im Jugend- und frühen Erwachsenenalter, das Risiko für die Entwicklung einer Multiplen Sklerose erhöht und den Krankheitsverlauf verschlechtert. Das Risiko ist am stärksten ausgeprägt, wenn ein erhöhter BMI im Alter zwischen 14 und 24 Jahren auftritt. Dieser Zusammenhang besteht bei beiden Geschlechtern, ist aber bei Frauen oft stärker ausgeprägt.

Bei Patienten, die bereits an MS erkrankt sind, ist Adipositas mit einem schnelleren Krankheitsverlauf, einer stärkeren Zunahme der Behinderung, einem schlechteren Ansprechen auf krankheitsmodifizierende Erstlinientherapien, erhöhter MRT-Aktivität sowie einem rascheren kognitiven Abbau und einer Verschlechterung der Lebensqualität verbunden. So erreichen adipöse MS-Patienten Behinderungsstadien schneller und weisen höhere Raten an körperlicher und psychischer Verschlechterung auf.

Adipositas fördert chronische Entzündungsmechanismen

Für diese negativen Effekte werden die sog. Adipokine verantwortlich gemacht. Hiermit werden Botenstoffe bezeichnet, die primär im Fettgewebe gebildet werde und sowohl Einfluss auf den Stoffwechsel als auch auf das Immunsystem haben können. So schüttet adipöses Fettgewebe insbesondere vermehrt proinflammatorische Zytokine (TNF, IL6) aus, die eine chronische Entzündung (low-grade inflammation) unterhalten, die sich negativ auf die MS auswirken kann.

Eine weitere wichtige Ebene, auf die sich Adipositas negativ auswirkt, hat weniger mit der Immunpathogenese der MS zu tun als viel mehr mit der Bewegungskompetenz im Alltag – die für die Lebensqualität von MS Betroffenen eine so wichtige Rolle spielt. Ich habe einige Patienten, die weniger aufgrund der Schwere ihrer MS in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, sondern vielmehr aufgrund ihrer Adipositas und der damit verbundenen Sekundärkomplikationen wie Athrosebeschwerden oder die Auswirkungen eines Diabetes.

Gewichtskontrolle als aktives Krankheitsmanagement

Dementsprechend ist Gewichtskontrolle bei MS mehr als ein „life-style“ Thema – Gewichtskontrolle ist aktives Krankheitsmanagement. Oder anders gesagt Adipositas ist insbesondere bei chronischen Autoimmunerkrankungen wie der MS eine behandlungsrelevante Erkrankung.

Nun existieren mit den GLP-1-Analoga (GLP-1-Rezeptoragonisten) Medikamente, die zwar ursprünglich zur Behandlung von Typ-2-Diabetikern entwickelt wurden, jedoch auch über die Förderung des Sättigungsgefühls zu einer deutlichen Gewichtsabnahme führen und daher auch unabhängig von der Zuckerkrankheit zur Behandlung von Fettleibigkeit verwendet werden. Nicht selten entsteht daher der Eindruck, dass es sich um ein „life-style“-Medikament handelt – was dazu führen kann, dass die Verordnung, die ja in der Regel durch Hausärzte oder Internisten vorgenommen werden muss, restriktiv gehandhabt wird.

Insbesondere im Hinblick auf adipöse MS Betroffene würde ich mir allerdings wünschen, dass dieser Gruppe der Zugang zu GLP-1 Analoga nicht zu schwer gemacht wird, da ich in ihnen eine wichtige Ergänzung der Standard-Therapie der MS sehe. Aus meiner Erfahrung ist es – v.a. wenn durch die MS schon Barrieren wie Paresen oder eine ausgeprägte körperliche Fatigue vorliegt – sehr schwierig, nur mit Diäten oder Bewegungsprogrammen eine Gewichtsreduktion zu erreichen. Diese ist aber mit Blick auf die potentiellen Auswirkungen der Adipositas auf die MS ein wichtiges Ziel bei der Versorgung von MS Betroffenen.

Ein Kommentar

  1. Lieber Prof. Mäurer,

    Kann glp1 nicht grundsätzlich bei Entzündungskrankheiten wie MS helfen? Wenn es dich Entzündungen reduziert? Unabhängig vom Gewicht? In einer Mini-Dosis z. B.?

    Viele Grüße und schöne Ostern

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