Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

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Neues von ECTRIMS 2016 – Personalisierte MS-Therapie

Letzte Woche fand in London der 32. Kongress des European Committee of Research and  Treament in Multiple Sclerosis (ECTRIMS) statt. Die ECTRIMS beschäftigt sich ausschließlich mit der Multiplen Sklerose und verwandten Erkrankungen und ist damit das mit Abstand wichtigste europäische Meeting zu diesem Krankheitsbild – und damit das Meeting, auf dem jährlich die wichtigsten Neuigkeiten und Strömungen in der Versorgung von MS-Patienten und der Forschung und Medikamentenentwicklung ausgetauscht werden. Die Teilnehmerzahl steigt ständig – dieses Jahr waren mehr als 10.000 Teilnehmer aus vielen Ländern der Welt vor Ort, die drei Tage lang diskutierten, Netzwerke knüpften und Ideen entwickelten. Ich freue mich, dass ich dabei sein konnte – und möchte sie mit den nächsten Blogs ein wenig an meinen Kongressbesuch teilhaben lassen.Der Kongress wurde am 15.09. mit der ECTRIMS-Lecture eröffnet, die vom Präsidenten der ECTRIMS Xavier Montalban aus Barcelona gehalten wurde. Das Thema dieser Vorlesung greift in der Regel die aktuellen Strömungen der MS-Versorgung auf und beschäftigte sich in diesem Jahr mit der personalisierten MS-Therapie. Im Gegensatz zu diversen Tumorerkrankungen existiert bei der MS kein Marker, der eine Klassifizierung von Patienten und eine Identifikation von besonders gefährdeten Patienten (im Hinblick auf Krankheitsprogression) erlaubt. Nach wie vor ist daher die klinische Betreuung und Überwachung von großer Bedeutung. Grundlage ist eine frühe und akkurate Diagnose, eine sorgfältige Prognoseabschätzung, die Beurteilung von Nutzen und Risiken einer Therapie und schließlich die Beurteilung, ob der Patient auf die Therapie im weiteren Verlauf anspricht.

Was die Abschätzung der Prognose angeht, so hat das MRT einen zentralen Stellenwert –  je mehr MRT-Aktivität sichtbar ist, desto sicherer ist langfristig von einem ungünstigem Verlauf auszugehen. Auch der Nachweis von Rückenmarksherden im MRT ist ungünstig und sollte daher ein konsequentes Handeln nach sich ziehen, denn – auch das wurde von Xavier Montalban noch einmal betont – was früh im Krankheitsverlauf passiert, hat Einfluss auf eine mögliche spätere Behinderung. Gleichzeitig zeigt sich, dass der frühe Einsatz von Medikamenten mit einer günstigeren Langzeitprognose assoziiert ist. Damit ein Patient dann auch eine langfristig optimale Therapie erhält, muss der Verlauf unter der jeweiligen Therapie regelmäßig überprüft werden, wofür sich ein Score-System aus Kernspinbefund und klinischer Überwachung als pragmatisch erwiesen hat, der sog. Rio-Score. Letztlich war die diesjährige ECTRIMS-Lecture ein eindeutiges Plädoyer für frühes und konsequentes Handeln.

Über neue Studien und wissenschaftliche Erkenntnisse werde ich später noch berichten. Mich hat am ersten Kongresstag nämlich vor allem eine Pro- und Contra- Session beschäftigt, in der darüber diskutiert wurde, ob MS-Patienten, die bereits im Rollstuhl sitzen, noch in klinische Studien eingeschlossen werden sollten. Die Thematik klingt relativ provokativ und man konnte durchaus eine emotionale Diskussion erwarten. Als Pro-Argumente wurde ins Feld geführt, dass über die Gehfähigkeit hinaus andere Parameter überprüft werden können, wie z.B. die Handfunktion, die in vielen Studien mit weiter fortgeschrittenen MS-Patienten durchaus eine positive Entwicklung bei Anwendung des Studienmedikamentes gezeigt hätten. Außerdem könne man auch nur die Patienten behandeln, die in klinischen Studien untersucht worden sind, und man würde so eine bestimmte Gruppe von Patienten ausschließen.

Patricia Coyle (New York), die die Kontraposition vertreten hat, sprach sich strikt gegen den Einschluss von MS-Patienten, die komplett auf den Rollstuhl angewiesen sind (> EDSS 7), aus. Wobei sie spezifizierte, dass sie nicht gegen einen generellen Studieneinschluss sei, aber dass sie im Rahmen von Zulassungsstudien für Medikamente in jedem Fall auf einen Einschluss schwerer betroffener Patienten verzichten würde, weil die Veränderungen der EDSS in diesem Stadium immer schwerer nachzuweisen sind und mit dem Einschluss zu schwer betroffener Patienten letztlich der Erfolg von potentiell wirksamen Medikamenten mit Wirkung auf die Krankheitsprogression gefährdet wird. Also eine Argumentation, die entgegen dem ersten Eindruck nichts mit Diskriminierung zu tun hat, sondern von der Sorge um Patienten mit progressiver MS getrieben ist, dass unkluge Rekrutierungsstrategien zur Verzögerung in der Medikamentenentwicklung führen.

Die anschließende sehr lebhafte Diskussion zeigte aber auf, dass ein wesentliches Problem in der Verwendung der EDSS Skala als primäres Instrument für Studien zur progressiven MS liegt. Ich hatte ja hierzu schon einmal etwas ausführlicher geschrieben. Anhand der emotionalen Diskussion wurde erneut klar, dass wir neue klinische Messintrumente entwickeln müssen, um den Bedürfnissen in der Medikamentenentwicklung gerecht zu werden.

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Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

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