Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Vortrag

Neues vom DGN-Kongress

Ende September fand in Leipzig die 90. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) statt. Der DGN-Kongress ist die wichtigste und größte Fachtagung deutschsprachiger Neurologen/innen, auf der die aktuellen wissenschaftlichen Entwicklungen aus allen Teilgebieten der Neurologie, aber auch berufspolitische und gesellschaftspolitische Themen intensiv diskutiert werden. Da alle Teilbereiche der Neurologie abgedeckt werden, steht verständlicherweise die Multiple-Sklerose-Forschung und die klinische Versorgung von MS-Patienten nicht im Mittelpunkt, sondern repräsentiert nur einen Teil des Kongresses. Dementsprechend werden auf der DGN-Tagung nicht die neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse der MS-Forschung kommuniziert – gleichwohl werden aber aktuelle Trends und Entwicklungen dargestellt und kommentiert. Deutschland besitzt auch im internationalen Vergleich eine sehr leistungsfähige neuroimmunologische Forschung und leistet jedes Jahr wichtige Forschungsbeiträge zur Weiterentwicklung der Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose. Daher lassen sich an den auf dem DGN besprochenen Themen durchaus die derzeitigen Trends in der MS-Therapieforschung ableiten.

In Bezug auf neue therapeutische Entwicklungen war die im August 2017 erfolgte Zulassung des Wirkstoffs Cladribin ein Schwerpunkt. Die Studienergebnisse der Substanz wurden ausführlich vorgestellt und diskutiert.

Trotz dieser erfreulichen Entwicklungen auf dem Gebiet der antientzündlichen Therapien klingt jedoch immer wieder an, dass neue Konzepte außerhalb antientzündlicher Therapien benötigt werden, um vor allem das chronische Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern. Hier spielen insbesondere Konzepte eine Rolle, die Nervengewebe vor Degeneration schützen sollen.

Ein solches Konzept ist die Förderung der Remyelinisierung der durch die Entzündung demyelinisierten Neurone, mit dem sich eine komplette wissenschaftliche Sitzung auf dem DGN beschäftigt hat. Hier wurden u.a. die Studien mit dem Antikörper Opicinumab (manchen vielleicht bekannt als Anti-LINGO-1) diskutiert. Die bisherige Studienlage ist nicht eindeutig und die Ergebnisse umstritten. Allerdings war der Antikörper in der Lage, die Leitfähigkeit des Sehnervs zu verbessern, was als ein Hinweis auf Remyelinisierung gedeutet werden kann. Ein wichtiges Problem bei Studien zur Neuroprotektion und Remyelinisierung ist die Abbildung und Messung eines relevanten Effektes. Die aktuell verwendeten Parameter wie klinische Skalen (z.B. EDSS) oder elektrophysiologische Untersuchungen sind eher ungenau, weswegen neue diagnostische Entwicklungen zur Darstellung der Remyelinisierung, wie spezifische MRT-Sequenzen oder nuklearmedizinische Tracer für das Myelin-Imaging, von hohem Interesse sind und in der Zukunft intensiv beforscht werden müssen.

Ein weiteres wichtiges Thema in den wissenschaftlichen Sitzungen war das Mikrobiom und die Ernährung – diese Thematik spielt für die Entstehung von Autoimmunität eine immer größere Rolle. So sind die Ergebnisse der Universität Bochum und der Universität Erlangen zum Nahrungsergänzungsmittel Propionsäure von hohem Interesse. Die dortigen Forschergruppen konnten zeigen, dass Propionsäure in Zellkulturen schützende Effekte vermittelt und Entzündungsaktivität bei MS eindämmen kann. Angesichts dieser vielversprechenden Ergebnisse kann man auf klinische Studien gespannt sein, die Propionsäure als add-on-Therapie bei MS untersuchen.

In der Poster-Sitzung hat es mich persönlich gefreut zu sehen, wie wichtig mittlerweile das Konzept der Bewegungsförderung bei MS geworden ist und wie viele Arbeitsgruppen dieses Thema derzeit intensiv beforschen. Das Thema Bewegung und Sport war ja vor Jahren noch eher eine Randerscheinung. Die aktuellen Ergebnisse zeigen aber, dass Bewegung u.a. zu einer Verbesserung des Gleichgewichtes und einer Verbesserung von kognitiven Funktionen führen kann. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieses vermehrte Interesse an MS und Bewegung letztlich zu einer Verbesserung der Versorgungsrealität in Deutschland führen wird.

Zusammengenommen gibt die DGN-Tagung somit durchaus ein gutes Abbild der derzeitigen Strömung in der MS-Forschung und MS-Therapie. Dieses Bild wird wahrscheinlich Ende Oktober noch klarer werden, wenn in Paris der Europäische MS-Kongress ECTRIMS stattfindet, auf dem dann die neuesten Therapiestudien und wissenschaftlichen Entwicklungen vorgestellt werden. Hier werden vor allem weitere neue Entwicklungen zur Behandlung der progressiven MS erwartet. Wir dürfen gespannt sein.

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Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

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