Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

ms_vererbbar

Ist MS eigentlich vererbbar?

Diese Frage bekomme ich häufig gestellt. Meistens von besorgten Elternpaaren, von denen ein Elternteil eine MS hat, und die sich Sorgen um ihre Kinder machen.

Wenn man eine Erberkrankung als eine Erkrankung definiert, die auf einen eindeutig definierten Defekt im menschlichen Erbgut zurückzuführen ist, der nach einem bestimmten Muster vererbt wird, dann ist die Antwort eindeutig „nein“.

Nicht selten folgt dann aber der Einwurf „meine Schwester/Mutter/Tante hat aber auch MS – da muss die Krankheit doch vererbt werden“. Und in der Tat, dies ist eine Beobachtung, die man bisweilen machen kann. Die MS tritt zwar häufig sporadisch auf, aber immer wieder findet man Familien, in denen es eine Häufung an MS Fällen gibt. Und diese Beobachtung ist auch ein Grund, warum man annimmt, dass Erbfaktoren bei der Entstehung der Erkrankung eine Rolle spielen, aber eben nicht die alleinige, wie bei einer klassischen Erbkrankheit.

Das Risiko an einer MS zu erkranken, beträgt in Deutschland ungefähr 1:700. Wenn eine familiäre Belastung existiert, also z.B. eine Elternteil an einer MS leidet, erhöht sich das Risiko ungefähr um den Faktor 3, also auf ca. 1:200. Dies ist zwar ein höheres Risiko, aber die Wahrscheinlichkeit, an einer MS zu erkranken, ist immer noch vergleichsweise niedrig. Demnach ist eine familiäre Belastung mit MS kein Grund, die Familienplanung zu überdenken oder zu erwägen, überhaupt keine Kinder zu bekommen. Und es ist schon gar kein Grund, Kinder von Eltern mit MS prophylaktisch einer MRT-Untersuchung zu unterziehen. Hiervon kann und muss man ganz klar abraten.

Es ist sehr interessant, dass bei eineiigen Zwillingen, die ja genetisch identisch sind, nicht zwangsläufig beide an MS erkranken. Das Risiko für den zweiten Zwilling an MS zu erkranken, wenn bei dem ersten eine MS diagnostiziert wurde, beträgt „nur“ 30%. Also trotz einer völligen genetischen Gleichheit bekommen 2/3 der eineiigen Zwillingsgeschwister keine MS.

Das ist ein ziemlich starkes Argument dafür, dass Erbfaktoren nicht die alleinige Ursache darstellen, um an einer MS zu erkranken. Es müssen weitere ursächliche Faktoren hinzukommen. Und hier macht man sogenannte Umweltfaktoren verantwortlich. Dabei darf man den Begriff Umweltfaktoren nicht missverstehen: Viele MS-Patienten machen auf der Suche nach Ursachen für die Erkrankung Umweltverschmutzung und ungesundes Leben in der modernen Industriegesellschaft verantwortlich. Das ist aber im Hinblick auf die MS zu kurz gedacht, denn die Erkrankung gab es schon lange vor der Industrialisierung und sie ist auch in Entwicklungsländern anzutreffen.

Umweltfaktoren beschreiben viel eher bestimmte geographische und klimatische Voraussetzungen (also wo wir auf der Welt leben) und bestimmte Infektionserkrankungen, die wir uns im Laufe des Lebens zuziehen. Die derzeitige Hypothese der MS-Entstehung geht davon aus, dass es bei einem genetisch disponierten Individuum – ausgelöst durch eine Infektionserkrankung in der Jugendzeit – zu einer Fehlsteuerung des Immunsystems kommt, die dazu führt, dass körpereigene Immunzellen das eigene Nervengewebe als fremd erkennen und attackieren.

Es ist davon auszugehen, dass dies keine bestimmte Infektionserkrankung sein muss, die diese Fehlsteuerung hervorruft. Man hat zwar in der Vergangenheit immer wieder bestimmte Viren für die Auslösung einer MS verantwortlich gemacht – so dreht sich aktuell alles um das Eppstein-Barr-Virus, den Erreger des Pfeiffer´schen Drüsenfiebers – aber letztendlich kann wahrscheinlich jeder Krankheitserreger, wenn er auf eine entsprechende Person mit Veranlagung zu Autoimmunerkrankungen trifft, eine solche Erkrankung auslösen.

Daher bin ich fest der Überzeugung, dass wir nie „den MS-Erreger“ identifizieren werden und dass MS durch das zufällige Zusammentreffen mehrerer Faktoren entsteht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man für den einzelnen nie klären wird, warum er und nicht sein Nachbar an einer MS erkrankt ist.

Diese letztlich nicht vollständig geklärte Ursache der MS macht viele Patienten unsicher. Nicht selten führt das auch dazu, dass man sich bestimmte Ursachen zurecht legt wie die Geburt eines Kindes, ein traumatisches Ereignis in der Familie, eine Impfung…

Letztlich ist es aber wahrscheinlich nur ein Zufall….

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Mathias Mäurer

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Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

Meine Beiträge

8 Kommentare zu “Ist MS eigentlich vererbbar?

  1. Meine Oma hat MS und höchstwahrscheinlich im schlimmsten Fall. Sie kann nicht mehr gut reden, nicht alleine essen, eigentlich kann sie nichts alleine. Und sie sitzt im Rollstuhl. Früher war sie total sportlich, Schützenkönigin und ist gerne gewandert. Jedenfalls bin ich genauso und habe jetzt total Angst dass mein Leben auch so zerstört werden könnte. Die Ungewissheit bringt mich um und zum Arzt traue ich mich nicht…
    Wie kann ich herausfinden ob ich auch MS habe oder die Wahrscheinlich hoch ist, dass ich das auch bekomme ohne zum Arzt zu gehen?
    LG

  2. Hallo,
    es wäre sicherlich sinnvoll gewesen, den Zusammenhang zwischen Impfungen und MS näher zu erläutern (z. B. Masern-Impfung oder Hepatitis-B-Impfung). Das gehört meiner Meinung nach in einen halbwegs vollständigen Blogbeitrag, der über MS informieren möchte, rein. Wer sich sorgen macht, sollte sich vielleicht eher dahingehend informieren.

    LG

    P.S.: Ich bin mir dessen bewusst, dass es keine sicheren Belege (aber gute Studien!) dafür gibt. Allerdings trifft das auch auf den gesamten Inhalt des Beitrag zu, weshalb das hier durchaus angebracht ist.

    1. Guter Beitrag Anonymous !
      Aber was genau haben Impfungen mit Vererbung zu tun??
      Hab im Standardwerk Vererbung nix gefunden !

  3. Hallo, ihn meine Familie ist meine Mama und ihre zweitjüngste Schwester an Ms erkrankt . Beide sind bettlägerig . Die jüngste Schwester hat es nicht . Meine Mama hat es mit 28 bekommen, die Schwester erst mit 40 . Jetzt sind wir Kinder im gleichem Alter ca 40 , haben ständig Angst selbst Ms bekommen , oder an unsere Kinder es weiter vererben . Heute ist meine Mutter 60 . LG Evi

  4. Hallo.. Meine Tochter ist 10 Jahre alt und hat seitdem Sie 7 Jahre ist schon 21 Blasenentzündungen.. Sie war vor kurzem im Krankenhaus und da wurde mir mitgeteilt, dass Sie vll an MS erkrankt wäre.. Aber ich weiß nicht, was ich davon halten soll, da Sie erst 10 Jahre alt ist.. Zwar haben wir in der Familie Multiple Sklerose, aber ob es verebrt würde, keine Ahnung..

  5. Zufall ist eine Drehtüre! Und jetzt frage ich mich, warum muss Herde mich dieser Zufall treffen? Und was ist die MS eigentlich? Sprechen wir hier eigentlich immer von ein und derselben Erkrankung? Oder ist es vielmehr ein Erkrankungskreis, der dadurch auch in seiner Ursache nicht zu packen ist? Haben wir wirklich alle MS oder sind es lautet unterschiedliche Erkrankungen, die man einfach in zwei Buchstaben zusammenfasst? Was ist es für ein Zufall, dass manche Menschen Jahrzehnte ohne große Einschränkungen Leben können und andere in kürzester Zeit zu Pflegefällen werden? Und wer redet den jeweilig Betroffenen ein,-nichts muss,alles kann? Wie muss es sich anfühlen für einen schwer Betroffenen, wenn die einschlägige MS-Presse von Marathonläufern mit MS und Extremsportlern berichtet, die Pflegefälle aber auslässt?
    Gibt es zwei oder mehr Arten / Typen der MS-ler? Die einen schweigt man tot und die anderen dienen als heroisches Beispiel? Ziemlich harter Tobak!
    Ich bete zu Gott oder den Medizinmann, dass meine Kinder niemals mit dieser Sache in Kontakt kommen und sie Recht behalten, dass MS nicht vererbbar ist. Denn DAS würde ich nicht überstehen!
    Danke!

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