Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Eine häufige Frage: schubförmig oder chronisch-progredient?

Sehr häufig wird mir in der Sprechstunde die Frage gestellt: „Habe ich nun einen schubförmigen oder einen chronisch-progredienten Verlauf.“ Und in der Regel stellen diese Frage eher jüngere und erst vor kurzem mit MS diagnostizierte Patienten. Hier schwingt wahrscheinlich auch immer ein wenig Angst mit, denn in vielen Texten und Abhandlungen zur MS wird der chronisch-progrediente Verlauf in einem Atemzug mit einer schlechten Prognose und einer schlechteren Therapiefähigkeit genannt. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass weit über 80 % aller MS-Erkrankungen als typische schubförmige Verlaufsform beginnen. Wenn die MS nicht adäquat behandelt wird, also zu Beginn Schübe und MRT Aktivität toleriert werden, muss man damit rechnen, das nach 10 – 15 Jahren ca. zwei Drittel der schubförmigen Verläufe in eine sog. sekundär chronisch- progrediente Verlaufsform übergehen. Wir sprechen daher von „sekundär“ weil die Erkrankung „primär“ schubförmig angefangen hat.

Es gibt auch die sog. primär chronisch-progrediente MS, die aber selten ist und nur ca. 10 % aller MS-Patienten betrifft. Die primär chronisch-progrediente MS zeichnet sich dadurch aus, dass sie i.d.R. erst um das 40. Lebensjahr beginnt, Männer und Frauen gleichermaßen häufig betrifft (die klassische MS betrifft Frauen wesentlich häufiger) und durch einen schwerpunktmäßigen Befall des Rückenmarks meistens zu einer langsam progredienten Gangstörung führt. Bis heute ist nicht ganz klar, ob die primär chronisch-progrediente MS vielleicht sogar eine andere Erkrankung darstellt, denn sie ist im Gegensatz zur typischen schubförmigen MS Immuntherapien nicht besonders gut zugänglich.

Die sekundär chronisch-progrediente MS ist die ein häufiges Problem lang erkrankter MS-Patienten, da sie ja – wie oben gesagt – die Konsequenz einer langjährigen schubförmigen MS darstellt. Unsere Vorstellung zur Entstehung des sekundär chronisch-progredienten Verlaufes ist dahingehend, dass bereits früh im Krankheitsverlauf – bei unzureichender Kontrolle der entzündlichen Aktivität – ein langsam voranschreitender neurodegenerativer Prozess (Abbauprozess) in Gang gesetzt wird, der dann in späteren Phasen der Erkrankung (wenn Schübe in den Hintergrund treten) den Erkrankungsverlauf dominiert. Daher sehen wir im Moment in einer konsequenten entzündungshemmenden Therapie zu Beginn der Erkrankung die vielversprechendste Möglichkeit, den Übergang in eine sekundär chronisch-progrediente Verlaufsform zu verhindern. Kommt die Therapie zu spät, bzw. ist die Therapie nicht ausreichend stark, um die Entzündungsaktivität früh zu unterbinden, nimmt die kontinuierliche Gewebezerstörung ihren Lauf und mündet schließlich in einer progressiven Zunahme neurologischer Defizite, die dann auch therapeutisch nicht mehr so gut zugänglich sind.

Woran merkt man nun, dass die MS in eine sekundär chronisch-progrediente Verlaufsform übergegangen ist? Nun – man muss erst einmal verstehen, dass wir nicht über einen definierten Zeitpunkt sprechen, der Übergang in eine sekundär chronisch-progrediente Verlaufsform beschreibt eher einen Zeitraum, der sich durchaus über mehrere Jahre hinziehen kann. In diesem Zeitraum bemerkt der Patient, dass sich die Mobilität, aber auch andere wichtige Funktionen wie Kognition oder Blasenfunktion, kontinuierlich verschlechtern – dieser Befund schreitet über viele Jahre dann langsam voran. Hier lohnt es sich mit symptomatischen Therapiemaßnahmen, vor allen Dingen nicht medikamentösen Maßnahmen wie Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, gegen diesen langsamen Abbau zu arbeiten. Durch intensive Reha-Bemühungen können oft erstaunliche Erfolge erzielt werden. Nur wenn die Verschlechterung wirklich sehr rasch progredient voranschreitet, sollte mit dem Neurologen über die Intensivierung der medikamentösen Immuntherapie nachgedacht werden. Wir hoffen natürlich auch, dass demnächst neue Therapieansätze zur Verfügung stehen, die neuroprotektive Aspekte besitzten – aber bisher warten wir hier noch auf einen Durchbruch. Auch vor diesem Hintergrund der eingeschränkten Möglichkeiten der Therapie einer in eine sekundär chronische Verlaufsform übergegangenen MS ist vielleicht verständlich, warum viele MS Experten immer wieder betonen, wie wichtig eine frühe und konsequente MS Therapie ist. Sie ist eine wesentliche Strategie, eine spätere chronische Progredienz der MS zu verhindern.

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Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

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31 Kommentare zu “Eine häufige Frage: schubförmig oder chronisch-progredient?

  1. Ich finde es untragbar, dass mit Ihrem Artikel jedem MS-Kranken suggeriert wird, dass, falls er sich gegen eine BT entscheidet, mit den Folgen der Sekundär progredienten MS rechnen muss. Er als Patient also seinen weiteren Krankheitsverlauf selbst verschuldet hat. Mehr als genug Studien zum Thema BT werden bewusst verschwiegen oder gar nicht angesprochen, um immer mehr Umsatz mit den Medikamenten zu machen. Ich wünsche mir pharma-unabhängige Ärzte, die ihren Verstand zum Wohle ihrer Patienten einsetzen und nicht zum Wohle der Pharma-Industrie.

  2. ‚Sie (eine frühe MS-Therapie) ist eine wesentliche Strategie, eine spätere chronische Progredienz der MS zu verhindern.‘

    Der Satz müsste korrekt lauten: Jene Experten treibt die Hoffnung um, so eine spätere Progredienz der MS zeitlich zu verzögern.
    Von einer (wirksamen resp. belegbaren) Strategie kann nach Datenlage verfügbarer Studien, die sich mit Behinderungsgraden und klinischen Verläufen auseinandersetzen anstatt mit MRT-‚Progredienzen‘, keine Rede sein.

  3. Ich hatte in 15 Jahren nur zwei Schübe und kaum Veränderungen im MRT. Mehr hätte wohl auch eine der hier angepriesenen „Basistherapien“ nicht bewirken können. Progredient bin ich seit zwei Jahren trotzdem.

    Wer sich mit seinen Thesen überwiegend auf dem Gebiet der Spekulation bewegt – „nach unserer Vorstellung“ -, sollte vielleicht etwas zurückhaltender argumentieren. „Entzündungsaktivität früh und konsequent unterbinden“ – das schafft im Moment keine der verfügbaren Therapien. Wenn überhaupt kann diese Entzündungsaktivität höchstens reduziert werden, wenn ich die Studienlage richtig verstehe. Und selbst das verhindert nicht den Eintritt der sekundären Progredienz – wofür ich bei weitem nicht das einzige Beispiel bin.

  4. Ich kann leider nur bestätigen, was hier geschrieben wurde. Habe vor knapp 20 Jahren die erste, nachgewiesene Sehnerventzündung gehabt und seit ca. 8 Jahren Beteiligung der linken Seite. Cortison-Behandlungen der Schübe ja, aber keine BT o. ä. – dann „nur“ Symptombehandlung – überwiegend der Spastik. Nu sprechen wir davon, dass der schubförmige Verlauf übergeht in einen sec. progredienten Verlauf, da die Schübe nicht mehr zeitlich voneinander abgrenzbar sind und sich immer was verschlechtert – und das leider nicht zu linde. Danke für diesen Artikel, der mir das bestätigt, was mir nun viele Ärzte in den letzten zwe Jahren sagten, ist leider richtig und meine Befürchtungen leider auch. Jetzt scheint es zu spät zu sein für eine BT – wir denken über eine Immuntherapie mit Mitox nach.

  5. Bei mir wurde im Jahr 2011 MS diagnostiziert. Seither hatte ich 2 Schübe und seit 2013 ist keine Veränderung im MRT sichtbar. Ich habe mich bis dato noch nicht für eine Therapie entschieden. Ein Fehler trotz geringer Krankheitsaktivität??

  6. Leider gehöre ich zu denen, bei denen am Anfang der MS nicht konsequent gegen Entzündungen vorgegangen wurde (damals war auch den Ärzten noch nicht so bewusst, wie es sich auswirkt) und die von mir eingesetzte Therapie mit Copaxone hat Schübe nur unzureichend verhindert. So setze ich jetzt in meinem momentan stabilen MS Zustand auf baldige Fortschritte in der Behandlung der SPMS.

    1. Hallo Elke,
      Ich habe erst seit kurzem die Diagnose MS und mache nun eine Therapie mit Copaxone. Du hast diese Therapie als unzureichend beschrieben. Meinst du also ich sollte lieber eine andere versuchen? Und warum hast du es als unzureichend empfunden?

      Grüße Lisa

      1. Hallo Lisa,
        nicht jedes Medikament ist für jeden Menschen gleich gut! Auch Nebenwirkungen sind nicht bei jedem gleich! Mir hat Copaxone (damals noch täglich gespritzt) 10 (!) Jahre ohne Krankheitsaktivität beschert! Du wirst nicht drum herum kommen, zu probieren, welches für Dich am besten geeignet ist!

      2. Liebe Lisa, ich hatte unter Copaxone trotzdem noch Schübe, bei denen immer auch teilweise Verschlechterungen meines Zustands zurück geblieben sind. Bei den meisten Schüben habe ich Cortisontherapie eingesetzt, bei den „leichten“ nicht. Insgesamt hatte ich aber in 11 Jahren Copaxone nur 6 oder 7 Schübe. Ich würde Cop. trotzdem nicht für alle Verläufe als unzureichend bezeichnen, nur bei mir war es so.

  7. Danke für den Artikel. Jedoch: Bei mir gab es nur einen einzigen deutlichen Schub (Sehnerventzündung), der sich alleine zurückgebildet hat. Von da an keine spürbaren Schübe mehr, sondern chronisch schleichender Verlauf. Tja, das gibt´s auch.

    1. So war es bei mir auch vor 23 Jahren und damals der Hinweis der Ärzte eine Therapie sei nicht möglich , sie käme irgendwann mal aus Amerika!!!

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