Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Arzt-Patient

Der Nocebo-Effekt

Der Placebo Effekt ist mittlerweile gut bekannt – der Nocebo-Effekt hingegen ist vielen wahrscheinlich noch nicht so geläufig – dabei stellt er in der Medizin eine nicht zu unterschätzende Einflussgröße dar.

Man kann den Nocebo-Effekt (von lat. nocere = schaden) als negativen Placebo-Effekt beschreiben – also eine Einflussgröße, die selbst keine spezifische Wirkung besitzt, aber trotzdem eine negative Reaktion hervorruft. Wie der Placebo-Effekt beruht der Nocebo-Effekt auf einer bestimmten Erwartungshaltung, die entweder unbewusst oder „erlernt“ sein kann. So kann es bei Patienten zu Befürchtungen kommen, dass bestimmte äußere Einflüsse, in der Regel Medikamente, aber auch bestimmte Eingriffe und Prozeduren, krank machen. Diese Personen erkranken dann auch tatsächlich, bzw. beobachten bestimmte Symptome an sich. Der Effekt wird in der Regel durch ausführliche Erläuterungen zu Risiken und Nebenwirkungen von Medikamenten verstärkt – und damit wären wir dann auch wieder beim Beipackzettel, über dessen Informationsfülle ich schon in meinem letzten Blog geschrieben habe.

Den Nocebo-Effekt kann man in Medikamenten-Studie beobachten, die in einem doppelblinden Design durchgeführt werden, d.h. weder Arzt noch Patient wissen, ob ein Patient die Prüfsubstanz oder ein Scheinpräparat (Placebo) erhält. In Medikamentenstudien müssen alle Patienten aus ethischen Gründen über Risiken und Nebenwirkungen der Prüfsubstanz bis ins kleinste Detail  informiert werden, unabhängig davon, ob sie die Prüfsubstanz oder Placebo erhalten. Etwa ein Viertel der Placebo-Empfänger klagt dann über die entsprechenden, ihnen zuvor erläuterten Nebenwirkungen.

Wie ausgeprägt der Nocebo-Effekt sein kann, zeigt das im Jahr 2007 publizierte Beispiel eines jungen Studenten, der bei einem Suizidversuch den kompletten Monatsvorrat eines Medikaments einnahm, das er im Rahmen einer Medikamentenstudie erhalten hatte. Obwohl es sich bei den eingenommen Tabletten nur um Placebo handelte, entwickelte er einen medizinisch kritischen Zustand. Erst nach Aufklärung darüber, dass er keinen aktiven Wirkstoff zu sich genommen hatte, normalisierte sich sein Zustand wieder.

Daher müsste man zur Beurteilung der eigentlichen Nebenwirkungen eines Medikamentes den Nocebo-Effekt der Kontrollgruppe abziehen (so wie man auch bei der Beurteilung der Wirkung eines Medikamentes den Placeboeffekt abzieht).

Somit wird auch klar, dass es letztlich keine sinnvolle Strategie ist, im Beipackzettel einfach nur eine Auflistung von Nebenwirkungen vorzunehmen, die in klinischen Studien beobachtet wurden. Eine erklärende Gewichtung wäre letztlich viel sinnvoller. Darüber hinaus besteht das Problem, dass die Informationsfülle an Risiken und Nebenwirkungen in einem Beipackzettel für einen großen Anteil der Betroffenen aufgrund des Nocebo-Effektes in einer selbst-erfüllenden Prophezeiung mündet – sie leiden tatsächlich unter den erwarteten Nebenwirkungen.

Das verursacht nicht nur große Kosten für das Gesundheitssystem, sondern führt auch dazu, dass potentiell wirksame und nützliche Medikamente gar nicht erst eingenommen werden. Gerade bei Erkrankungen wie der MS ist dies ein großes Problem.

Eine Lösung liegt in einer stabilen Arzt-Patient- Beziehung, in der realistisch über Nutzen und Risiken von Arzneimittel gesprochen wird und die in der Lage ist, die Sorgen und Bedenken von Patienten aufzufangen. Dies setzt ein hohes Maß an Vertrauen in die Einschätzungen und Empfehlungen des Arztes vorraus. Leider wird diese wichtige Grundvoraussetzung häufig durch die Fülle an Informationen aus dem Internet, Selbstdiagnose (Dr. Google) oder einen überfrachteten Beipackzettel in Frage gestellt.

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Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

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