Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

MS erforschen_Studien 1

2017 – was erwartet uns in der MS Therapie

Was wird das neue Jahr bringen? Diese Frage ist nicht nur im Hinblick auf private und gesellschaftliche Entwicklungen von Interesse, sondern auch mit Blick auf die Neuigkeiten der MS-Therapieforschung. MS-Experten haben in der Vergangenheit immer häufiger das über Jahre etablierte Therapieeskalationsschema hinterfragt. Induktionstherapie ist hierbei das Schlagwort, das allenthalben diskutiert wird. Seit einigen Jahren setzen wir Zell-depletierende Antikörper wie  Alemtuzumab mit gutem Erfolg ein. Die Langzeitdaten der Substanz, die zuletzt auf den großen Kongressen präsentiert wurden zeigen, dass der MS-Verlauf bei einem frühen Einsatz über viele Jahre stabilisiert werden kann. Daher ist immer häufiger der Vorschlag zu hören, diese hochwirksamen Therapien von Beginn  an einzusetzen (Induktion) und im Verlauf auf schwächere Präparate zu deeskalieren. Dem wird entgegengehalten, dass das Nebenwirkungsprofil der Zell-depletierenden Therapien einem solchen generellen Vorgehen entgegensteht und daher ein Beginn mit moderat wirksamen Substanzen, die ein höheres Sicherheitsprofil besitzen, zu bevorzugen ist. Es ist sicher, dass diese Diskussion in 2017 intensiv weitergeführt wird und vielleicht in einer Änderung der Therapieleitlinien mündet.

Ganz wesentlich für diese Thematik ist die Identifizierung von Patienten mit hohem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. Bei dieser Patientengruppe gäbe es sicherlich keine Einwände dagegen, von Beginn an eine hochwirksame Therapie zu verabreichen, denn hier wäre eine Inkaufnahme von Nebenwirkungen aufgrund der Erkrankungsschwere gerechtfertigt. Wünschenswert wäre ein Bluttest, der eine Unterscheidung zwischen hochaktiver und moderater MS ermöglicht, aber hier ist bisher kein Ergebnis in Sicht. Aktuell hilft uns vor allem das MRT bei der Klassifizierung der Krankheitsaktivität und es steht zu erwarten, dass 2017 die MR-Kriterien weiter geschärft werden und dem MRT hierdurch hoffentlich flächendeckend mehr Vertrauen und Bedeutung in der Therapiesteuerung entgegengebracht wird.

Ein ungünstiger prognostischer Faktor ist das unzureichende Ansprechen auf eine Immuntherapie – das hat in den letzten Jahren eine Vielzahl klinischer Studien belegt. Wünschenswert wäre daher, dass sich diese Erkenntnis im neuen Jahr auch in der Praxis durchsetzt und MS-Patienten nicht unnötig lange auf einer suboptimal wirksamen Therapie belassen werden.

Welche Therapie ist die Richtige für einen individuellen Patienten? Diese Frage wird v.a. mit der Verfügbarkeit neuer entzündungshemmender Therapien immer häufiger gestellt. Auch hier wären Laborparameter wünschenswert, die anzeigen, ob ein Patient besonders gut oder besonders schlecht von einem bestimmten Wirkstoff profitiert. Dies würde die Auswahl des Medikamentes vereinfachen, aber langfristig auch Kosten und Zeit sparen. Die Grundlagenforschung bietet hier einige interessante Ansätze, von denen sich aber bisher noch keiner in der Praxis durchsetzen konnte. Es ist zu hoffen, dass sich dies vielleicht im neuen Jahr ändert.

Die Zulassung von Ocrelizumab, die 2017 erwartet wird, wird die Therapielandschaft verändern. Es wird spannend sein, wie sich die Verfügbarkeit eines hochwirksamen Medikamentes mit einem günstigen Nebenwirkungsprofil, das auch auf progressive MS-Verläufe eine Wirkung hat, auf das Verordnungsverhalten auswirkt.

Natürlich muss man hoffen, dass im neuen Jahr auch Impulse bei den neuroprotektiven Therapien beobachtet werden können. Leider waren die letzten Ergebnisse zu reparativen Ansätzen wie z.B. anti-Lingo eher enttäuschend. Es wird daher spannend sein, wie sich die Therapieansätze mit Biotin oder auch Ionenkanalblockaden in der klinischen Testung weiter entwickeln.

Nachdem sich immer mehr namhafte Forschergruppen dem Themenkomplex Mikrobiom angenommen haben, darf außerdem mit Spannung erwartet werden, welche neuen Erkenntnisse zu bestimmten diätetischen Maßnahmen und der Darmflora in 2017 kommuniziert und publiziert werden.
So ist davon auszugehen, dass auch 2017 aus der Sicht der MS-Forschung ein dynamisches und spannendes Jahr wird und uns hoffentlich dem Ziel einer möglichst effizienten Krankheitskontrolle ein Stück näher bringt.

Empfehlungen

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer

Chefarzt der Klinik für Neurologie, Stiftung Juliusspital Würzburg

Meine Beiträge

17 Kommentare zu “2017 – was erwartet uns in der MS Therapie

  1. Ich komme mir irgendwie vera…. vor. Hab seit 3 Jahren die Diagnose und schlucke seitdem brav Tecfidera. Keine Ahnung ob’s was hilft oder nicht.
    Mein Neuro hat letzte Woche zu mir gesagt: MS ist ne Scheiß Krankheit, bin froh dass ich sie nicht habe. Da muß man halt durch.
    Ich wollte eigentlich nur wissen, was ich gegen die Schmerzen (Piriformis) tun kann, ausser täglich Ibuprofen zu schlucken. Mir stellt sich die Frage: Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun?.
    Das sind die tollen Ansagen die man als MS-Betroffener bekommt. Vor 20 Jahren kam alles vom Bandscheibenvorfall – heute kommt alles von der MS.
    Mache demnächst eine Verlaufskontrolle in der MSK und bin gespannt, was man mir dort erzählt.
    Grüsse und schönen Sonntag :-)

    1. Hallo. Du kannst Teufelskralle einsetzen. Wirkung ist Entzündungshemmend Schmerzlindernd und Abschwellend. Und keine Chemiekeule

  2. Nur eine allgemeine Bemerkung : Nach 27, J. mit der Krankheit MS rege ich mich immer wieder fürchterlich darüber auf , das diese Krankheit von fast allen Ärzten , die man wegen anderer Zipperlein aufsucht, als die große Erklärung dar gestellt wird. Ob Erkältung, Schmerzen , Rücken, u.s.w. kommt am Ende eines jeden Gespräches , die Bemerkung , Frau??? , sie wissen doch das sie MS haben. Also wundern sie sich mal nicht das sie all diese Zipperlein haben. Da kann man eben nichts machen und man wird wieder nach Hause geschickt. Aus meiner langjährigen Erfahrung heraus , kann ich mit Sicherheit sagen , das das so ziemlich das blödeste ist was man einem MS ler sagen kann.

  3. Danke, Danke, Danke für die Arbeit, die Sie sich mit dem Blog hier machen. Als Neubetroffene (gesicherte Diagnose im Dezember) hat es mir sehr geholfen, jenseits der Gruppendynamik von Facebook und Foren neutrale und fundierte Informationen zu erhalten. Auch wenn es jetzt vielleicht off-topic wirkt, ich dachte, es motiviert vielleicht, wenn jemand mal auf den riesigen Nutzen für (vermutlich nicht nur Neu-)Betroffene hinweist… Also nochmals: Muy obrigado!

  4. Hallo,
    „sie“ suchen schon nach der MS-Ursache, aber die ist in Wirklichkeit bei sehr vielen Erkrankungen nicht bekannt, z.B. auch die Ursache von Alzheimer… darum bin ich froh, dass sie auch ausprobieren, was den MS-Verlauf abmildern kann.
    Oder was bei den milden Verläufen evtl. geholfen hat… Ich werde ja immer etwas „neidisch“ wenn ich so was lesen wie: „Ria hat seit 30 Jahren Multiple Sklerose, aber von der Krankheit lässt sie sich nicht unterkriegen…“ von 37 Grad, 20-40-60: Unser Leben! (3/3)
    Die Sechziger , Quelle Mediathek (ZDF und 3sat.de )
    Wenn die frisch Erkrankten so was sagen, denke ich: ja, so dachte ich die ersten Jahre auch… Aber im Laufe der jahre… Darum finde ich auch den Hinweis, dass man versuchen sollte, Leute nicht ewig auf einer suboptimalen Therapie hängen zu lassen, interessant.
    Nur: gibt es (hoffentlich) bald mal etwas anderes als die Versuch-und-Irrtum-Strategie ?

  5. Ich möchte das auch mal die Neuros davon Unterichtet werden,wenn Ich das meinen immer alles so erzähle was es gibt und geben soll lacht der nur und winkt ab,dar werde Ich immer Sauer das ist nicht richtig daran sollte auch auch mal gearbeitet werde Ich habe das Gefühl der hat garkein Intresse ich weiss mehr über meine MS-Krankheit wie der ich komme mir manchmal verarscht vor

    1. Dito. Nur sagt mir bisher jeder Neuro, das könne doch gar net sein. Alles psychosomatisch. Das MRT-Bild ist wichtiger als der Patient und hat immer Recht.

      1. Erinnert mich irgendwie an die Nonnenstudie bei Alzheimer …
        Ein auffälliges Ergebnis war die Unabhängigkeit des pathologischen Gehirnbefunds (multiple Alzheimer-Plaques) von der wiederholt erhobenen intellektuellen Leistungsfähigkeit derselben Personen zu Lebzeiten. Das heißt: Auch Personen, bei denen bei der Sektion stark veränderte Gehirnbefunde festgestellt wurden, konnten bis zu ihrem Tod geistig anspruchsvolle Aufgaben ausführen.

        Dass mein Hirn im A… ist kann mir ein Proktologe ohne billiges MRT wahrscheinlich auch sagen …

  6. Lustig, dass immer auf das MRT verwiesen wird, dabei ist ein Zusammenhang von Krankheitsverlauf und MRT-Aktivität nicht nachgewiesen!!!
    Ich habe viele Läsionen und null Behinderung. Wieso soll ich meine Therapie eskalieren und tödliche Nebenwirkungen in Kauf nehmen?? Weil mein MRT-Bild schlecht aussieht??

    Alle Studien und Medikamente richten sich nach dem MRT…..
    Statt mal genauer zu untersuchen, welche Ursache die Krankheit wirklich hat :(
    Ich finde das so traurig, dass nur die Symptome behandelt werden statt der Ursache.

    Vielleicht rennen alle in die völlig falsche Richtung???

    1. Das geht mir ähnlich! Habe aktuell mehrere aktive Herde, Symptome: Kribbelnde Finger. Wäre ich nicht gerade zum Kontroll-MRT gewesen, wäre ich damit gar nicht zum Neuro gegangen. Der meint aber jetzt, ich solle dringend eine hochwirksame Therapie machen. Hm, nach zwölf Jahren mit MS ohne jegliche Einschränkungen? Und das bei den unklaren Langzeit(neben)Wirkungen? Allein die schon bekannten Nebenwirkungen sind mir schon zu gefährlich, auch wenn ihre Wahrscheinlichkeit gering ist. Wie hoch ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass meine MS sich verändert und einen schlimmen Verlauf nimmt? Das kann mir doch keiner zuverlässig sagen, was ist denn da die „vernünftige“ Therapieentscheidung? Fragen über Fragen…
      Viele Grüße und nicht unterkriegen lassen!

Kommentar schreiben